ARD-Produktion „Sohn“: Das schlimmste, was Deutsches Fernsehen zu bieten hat

Gestern Abend kam noch eine Freundin vorbei, um sich mit mir einen Film anzusehen, in dem es um „Alleinerziehende und Pubertät“ in der ARD ging. Dies war zumindest die Vorabinformation auf deren Basis wir uns dann den filmischen Albtraum ansahen; besser durchquälten. Denn was uns da erwartete, war wirklich das abgrundtief peinlichste und schlechteste, was ich überhaupt je gesehen habe. Dagegen ist „Sharknado 2“ ein Filmkunstwerk mit Nominierungspotential.

„Sohn“: Der Fehlversuch einer kaputten Mutter-Sohn-Beziehung

Vorweg muss gesagt werden, dass der Film ein grundsätzlich zu diskutierendes Thema bearbeiten will: Die Überbehütung von Kindern. Um diesem dann noch etwas Glaubwürdigkeit anzuhaften, konstruierte man noch den Umstand des Alleinerziehens plus chronischer Erkrankung des Kindes (Asthma) dazu. Theoretisch hätte dies funktionieren können. Ein spannendes Beziehungsdrama zwischen Mutter und pubertierendem Sohn. Doch was sich die Macher dieses Films hier erlauben ist nicht nur unerträglich – es ist schlicht vollkommen überzeichnet und komplett unrealistisch. Jeder, der selbst Kinder hat, wird mir beipflichten. Dass der Filmsohn vollkommen verkorkst ist, hat sicher wenig mit dem Asthma des Jungen und noch weniger mit der Tatsache zu tun, dass die Mutter alleinerziehend ist. Die Schuld darin suchen zu wollen erscheint eher als Beleidigung aller Alleinerziehenden gegenüber, die in den allermeisten Fällen doch eher weniger Zeit haben, ihr Kind überzubehüten, als die klassischen Vorstadtmütter mit vollverdienendem Ehemann. Typisch mal wieder der überzeichnete, typisch deutsche Versuch von Schauspielkunst: Alle Figuren sind viel zu ernst, zu aggressiv, zu wütend. Im Theater der Antike sicherlich hoch gefeiert, wirkt die Darstellung im Jahre 2017 vollkommen daneben. Dabei können die Darsteller noch am wenigsten dafür. Sie alle brauchen das Geld und haben nur das umgesetzt, was ihnen vorgegeben wurde. Die Skript-Schreiber und Macher des Films jedoch wussten was sie taten – und dies noch finanziert.

Meine Freundin und ich überlegten gestern noch länger angestrengt, wer ein solches Filmprojekt wohl durchgewunken haben könnte. Die Tatsache bei Seite gelassen, dass der Film auch noch durch öffentliche Gelder finanziert laufen darf, ist das miese und grenzwertig perverse Drehbuch nur durch ein ebenso schlimmes Gedankengut des Schreibers zu begründen. Erfahrungswerte von Eltern mit pubertierenden Kindern wurden hier ganz sicher nicht wiedergespiegelt. So lässt sich das immerwährend gegenüber der Mutter brüllende und aggressive Verhalten eher durch eine grundlegende Störung (zu behandelnde) erklären, als durch zu viel Liebe der Mutter.

Die ehrliche Zusammenfassung einer filmischen Katastrophe

Daher hier noch einmal – exklusiv und brandheiß – die Ankündigung, die dem Film eher gerecht geworden wäre:

„Eine psychisch kranke Frisörin lebt mit ihrem gestörten, fast erwachsenen Sohn zusammen, der sich ihr gebenüber stets aggressiv und vulgär verhält. Die wenig cleveren Versuche ihrerseits, mit ihrem Sohn ins Gespräch zu kommen, werden von ihm wieder und wieder mit anzüglich-aggressiven Worten und einem sofortigen Abgang abgestraft. Im Laufe der Geschichte werden am Wohnort der Familie mehrere Frauen brutal vergewaltigt und umgebracht. Die Mutter, die ihren Sohn beim Sehen von Bondage- und SM-Pornovideos erwischt, verdächtigt sofort ihn als Täter. Die Tatsache, dass dieser bei jeder kleinsten Anstrengung einen fast tödlichen Asthmaanfall erleidet, scheint sie bei der Verdächtigung nicht zu irritieren und so beschließt sie schließlich ihm weiter nachzuspionieren. Als der Sohn auch bei weiterem Nachfragen immer aggressiver wird und sie sogar würgt, nimmt sie – nach wie vor in dem Wahn lebend, er wäre der Mörder der Frauen – von ihm innerlich Abschied. In einer weiteren Eskalation zwischen beiden hat er erneut einen Asthmaanfall und sucht sein Spray, welches die Mutter ihm, versteckt in ihrer Hand haltend, nicht gibt und dabei zusieht, wie er stirbt. Bei der Beerdigung kommt raus, dass der Mörder ein anderer war.“

Die Lehr von der Geschicht

Nachdem wir uns fast 1 ½ Std. durch den Film durchgequält hatten, fragten wir uns unwillkürlich: Und was nun? Was sollte uns das nun sagen? Sollte man aggressive Söhne und deren Mütter zukünftig besser im Auge behalten? Sollte man Alleinerziehende überhaupt besser im Auge behalten? Sollten alle Söhne Alleinerziehender und deren Mütter prophylaktisch behandeln? Sind am Ende alle Frisörinnen psychotische Mörderinnen?

Meine „Lehr“, die kenne ich zumindest: Schau Dir keinen deutschen Fernsehfilm mehr an. Danke.

7.9.17 11:00

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Mirco / Website (11.9.17 05:08)
Hi Joslin,

da ich hier in China so gut wie überhaupt kein Fernsehen gucke (nur Filme von DVD), kann ich nur schwer mitreden. Jedoch habe ich dieser Art von Fernsehfilmen schon zu Zeiten, wo ich noch in Deutschland gelebt habe, aufgegeben. Eben aus den von dir, richtigerweise, angeführten Gründen.Wie immer, ein sehr interessanter Beitrag. Vielen Dank dafür.

Viele Grüße aus Ningbo

Mirco

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