Fifty Shades of Grey: SM für Arme

Also gut – nachdem mir ungefähr fünf Leute in meinem Bekanntenkreis und weitere zwei oder drei aus dem entfernteren Bekannten- und Kollegenkreis vom Bestseller „Fifty Shades of Grey“ erzählten (natürlich nicht ohne leicht errötete Wangen), ließ ich mich just gestern - zumindest auf die filmische - Fassung ein, da es diese gerade bei Amazon prime zu sehen gab.




Ab jetzt empfehle ich wirklich jedem, der den Film noch nicht gesehen hat und dies noch tun will, weiter zu klicken. Denn ab jetzt werde ich einzelne Szenen komplett auseinandernehmen, was dem noch neugierigen, potentiellen Betrachter dann vermutlich den „Spaß“ verdirbt. Oder, er sollte es gerade deshalb lesen, um den Film mit den unabsichtlich witzigen Details besser verstehen zu können.

Auf jeden Fall fällt der nächste Absatz definitiv unter SPOILERALARM.

Um es gleich vorweg zu sagen – die Hauptkritik richtet sich an die völlig unrealistische Umsetzung eines gar nicht mal so uninteressanten Themas. Ich weiß nicht, ob es im Buch dramaturgisch ebenso geschrieben steht oder ob es an der filmischen Umsetzung liegt. Ich beziehe jedenfalls meine Kritik auf den Film, da ich nur diesen kenne.

Fangen wir also mit einer kurzen Zusammenfassung an:Die Story beginnt mit der jungen Literaturstudentin, die im Rahmen eines Interviews für die Uni den erfolgreichen jedoch beziehungsgestörten Milliardär kennenlernt. Er sieht in ihr etwas Besonderes, läuft ihr hinterher, macht ihr Geschenke, öffnet sich ihr, verschließt sich wieder. Schließlich gesteht er ihr seine SM-Leidenschaft und drängt sie zu einem Vertrag, in dem er nahezu alles machen darf, was er will. In den nicht sexuellen Bereichen will er jedoch zuerst keinen weiteren Kontakt. Später jedoch, will er ihn dann doch (ein wenig), was die Studentin mehr und mehr in ein Hin und Her der Gefühle treibt. Am Ende bittet sie ihn unter Tränen, er solle sie so fest bestrafen, wie es nur geht, damit sie ihn und seine Hintergründe besser versteht. Danach ist sie so geschockt, dass sie ihn verlässt. Die letzte Szene zeigt, wie sie schnell in den Aufzug springt.Ende.

SM für Warmduscher

Ok. Zugegeben. Ich selbst besitze diese Neigung nicht, kannte jedoch ein Pärchen, was in einer solchen Beziehung lebte. Und sie (Lydia) erzählte mir damals in aller Einzelheit, wie diese Beziehung ablief.Das macht mich sicher nicht zum Experten – aber zumindest zu einer Person, die nicht völlig ahnungslos ist.

Zuerst einmal: Das, was dieser Film thematisiert ist alles andere als SM. Es ist eine „SM-Möchtegern-Light-Show“ für das prüde Amerika.

Die Hauptfigur (Christian Grey) agiert durchgehend wie ein liebeskranker Teenager. Ständig sagt er vermeindlich toughe Sprüche („Ich schlafe nicht mit jemandem in einem Bett. Ich fi…e ihn nur“), schläft dann aber doch nahezu jede Nacht neben ihr! Zu allem Übel, gesteht die Anfang 20-jährige ihm auch noch, dass sie Jungfrau wäre, was ihn abermals dazu veranlasst, dann doch liebevoll mit ihr zu nächtigen. Dass die zwei – nach der Entjungferung – noch stundenlang weiteren Sex haben, ist ebenfalls so eine Sache. Ich weiß ja nicht, wie das Filmteam seine Entjungferung empfunden hat, aber ich hätte danach nicht noch einfach so weiter machen können. Aber, mei. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein weinerlicher Einzelfall.




Ferner läuft der (dominante) Christian der kleinen Studentin den gesamten Film hinterher, was mich schon sehr erstaunt hat.

Ein weiterer interessanter Nebenpunkt: Christian Grey, der Besitzer eines gigantischen Konzerns, Milliardär und vielbeschäftigter Geschäftsmann, hat in diesem Film alle Zeit der Welt. Jedes Wochenende verbringt er komplett mit der Studentin in seinem Appartement. Und wenn er gerade keine Zeit mit ihr verbringt, denkt er über sie nach oder beschenkt sie. Ähm.. ja.

Und dann immer diese Nacktszenen: Ganz ehrlich? Wenn zwei Darsteller in einem Film gefühlte 10 x ihr Shirt ausziehen und man ihre Muckibude aufgepumpten bzw. durch Salat und Sport dünn gehaltenen Oberkörper wieder und wieder und wieder sieht, vergeht es einem gründlich. Nach gut 50 Minuten hätte ich alles dafür getan, eine vollschlanke, großbusige Dirne mit einem betrunkenen Clochard beim Sex auf der Toilette sehen zu dürfen. Man bekam richtig Lust auf etwas "herzhaftes". Alles, nur nicht noch einmal die flachen Brüste von der jungen Studentin und der schon fast aufdringlich in Szene gesetzte, Muskel bepackte Oberkörper des wenig charismatischen Darstellers!



Doch, was mir wirklich fast die Socken ausgezogen hat (vor Lachen) war, als die Studentin ihn darum bittet, sie so hart wie es nur geht, zu bestrafen (körperlich), um ihn besser zu verstehen. Schon allein diese Tat ist jetzt nicht wirklich nachvollziehbar. Denn wenn ich Angst vor einer SM-Beziehung und vor der Bestrafung habe, würde ich wirklich die härteste Bestrafung wählen, um mal.. einen kleinen Blick in die Szenerie werfen zu können?

Nach dieser Bitte wechselt die Szene und man darf die beiden (wieder mal) ohne Shirt in seinem kleinen, privaten SM-Raum beobachten. In diesem Moment schlug mein Herz in der Tat gut 20 Schläge mehr in der Minute, da ich nun dachte: „Oh mann, was wird er wohl jetzt alles zücken, um ihr mal zu zeigen, was ein Körper so alles aushalten kann! Oh nein!! Hoffentlich hält sie das aus!!“. Ich hatte schon richtig Sorge um die Darstellerin und ihre eh schon wenig aufreizende Oberweite. Doch was geschah? Was machte er?? Von all den Folterinstrumenten in diesem Raum, nimmt er ausgerechnet einen Gürtel… und schlägt.. – halte sich fest wer kann – 6 x auf ihren Popo.

Uhhhhh! Wir grausam!!

Richtig gehend enttäuscht über diese fast lächerliche Bestrafung (den Klaps auf den Hintern gibt’s doch jetzt wirklich schon fast in jeder normal sexuellen Beziehung), machte ich eine kurze Pause. Denn alles was danach kommen würde, dachte ich bei mir, würde vermutlich noch alberner werden. Und ja, es wurde noch alberner.

Denn die „gute Ute“ (Studentin) weinte bitterlich, angesichts der „rohen“ Gewalt und beschloss, sich von ihm zu trennen. Und er, der stolze, überhebliche, dominante, super erfolgreiche Businessman und Milliardär Christian Grey, lief ihr abermals hinterher. Entschuldigte sich sogar.



Unabhängig davon, dass mir keine SM-Beziehung bekannt wäre, die in der Realität SO abgelaufen wäre, fand ich den schon fast kranken Versuch, den Darsteller zum normalen Sex „umpolen“ zu wollen, am schlimmsten. Denn darauf läuft es ja offenbar hinaus.

Die arglose und (fast) noch jungfräuliche Studentin soll den beziehungsgestörten Sadisten zügeln und zu einem beziehungsfähigen, liebenden Normalo wandeln. Das läuft für mich unter der Kategorie: Homosexualität wäre mit einer Psychotherapie heilbar. Oder Pädophile könnte man mittels therapeutischer Maßnahmen zur erwachsenen Sexualität überreden.

Das ist vollkommen daneben und wissenschaftlich längst wiederlegt.Wenn jemand auf SM steht, in solch einem Maße, wie im Film beschrieben, dann kann man diese Neigung nicht mehr wegzaubern. Sie ist einfach da und wird sich, wenn überhaupt, eher noch weiterentwickeln. Denn um eine SM-Beziehung wirklich leben zu können, ist einiges an Kreativität von Nöten. Und wo kreative Gedanken, da auch Entwicklung.

Kurzum: Der Film hätte ein spannendes, mitreißendes Drama werden können. Doch so ist es eine amerikanische Belehrung darüber geworden, wie man sexuelle Extreme zurück in die Normalität führt. Hübsch verpackt, sicherlich, aber umso weniger attraktiv. Leider.

11.12.16 22:05

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Clemens (13.12.16 13:00)
Wie geil!! Meine Freundin hat genau das gleich gesagt!! Hab mir mal das Fakecover kopiert


Julia (20.4.17 12:13)
Ich fand den Film gar nicht so schlecht!! Du hast ihn halt nicht verstanden!! Schade!

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