Warum die Pressefreiheit eingedämmt werden sollte

Mir ist vollkommen klar, dass diese Headline alleine, würde sie die Titelseite einer großen, deutschen Tageszeitung zieren, von der geistigen Elite Deutschlands noch – ohne den Rest überhaupt gelesen zu haben – verrissen würde! Wie kann es sein, ein solch hart erkämpftes Recht, ein Grundrecht in unserer Demokratie, eindämmen zu wollen?

Die Antwort ist so schmerzlich simpel als auch wahr: Um Nachahmungen zu verhindern.

Die Katze, die sich in den Schwanz beißt

Seit Jahren schon beobachte ich einen beunruhigenden „Nebeneffekt“ der weltweiten Presse. Je schlimmer die Schlagzeile (Attentat, Terroranschlag, Misshandlungen etc.) desto stärker werden diese medial ausgeschlachtet. Da gibt es minütliche Ticker, Sondersendungen im Radio als auch im TV. Je grauenvoller die Tat, desto länger dauert das Dauerfeuer der Medien an, und desto weniger kann man sich diesem entziehen.

Der Nebeneffekt ist hierbei nicht etwa, dass es nervt. Das tut es so und so. Nein. Je stärker die Einzelheiten solcher Taten in die weite Welt hinausdrängen, desto wahrscheinlicher ist es, dass es daraufhin andere Menschen nachmachen; sich inspiriert fühlen.

Das wohl populärste Beispiel: Der Amoklauf an der Columbine High School 1999

Der Amoklauf bekam, noch lange vor dem 11. September-Attentat, die bis dahin wohl größte, weltweite Aufmerksamkeit. Menschen aus aller Welt waren bestürzt über eine solch unfassbare Tat. Die jedoch damals noch unabsehbare Folge war, dass sich anhand der detaillierten Beschreibung des Amoklaufs Jugendliche in der ganzen Welt angesprochen fühlten, Nachahmungstäter, die nun endlich ein (aus ihrer Sicht) adäquates Ventil für ihre Probleme und einen gangbaren Weg gefunden hatten. Danach folgten alleine in Deutschland in den kommenden sechs Jahren 6 ähnliche Attentate an Schulen.



Dabei ist nicht nur die Tatsache, dass weltweit verbreitete Einzelheiten des Massakers schlummernden Attentätern auf der ganzen Welt überhaupt erst den Anstoß geben, das schlimmste.
Viele Täter genießen den medialen Hype um ihre Person. Auch wenn dieser mit Schrecken verbunden ist und absolut negativ geprägt – für den ein oder anderen ist dies der größte Anreiz dabei: einmal im Mittelpunkt der Medien zu stehen.

Ein medialer Teufelskreis

Das dies nicht nur eine Einzelmeinung ist, bestätigte im letzten Jahr unlängst eine amerikanische Studie . Direkt nach der Berichterstattung einer Tat, erhöhte sich das Risiko für weitere Vorfälle direkt danach um 22 Prozent.

Selbst Margaret Thatcher plädierte bereits 1985 dafür, Terroristen den „Sauerstoff der Publizität“ zu entziehen. Trotzdem wird das Thema (logischerweise) weitestgehend von den Medien gemieden – denn was für die Opfer ein Horror, ist für die Medien ein gefundenes und notwendiges Fressen. Ohne große Headlines, keine Leser. Ohne Leser, keine Existenz.

Gesetzlich reguliert?

Henning Ernst Müller, Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Regensburg schrieb hierzu 2012 einen hoch interessanten, jedoch wenig beachteten Artikel, in dem er dafür plädiert, unter bestimmten Umständen die mediale Berichterstattung gesetzlich zu verbieten. Zitat: „… Nicht erst seit "Winnenden" besteht weltweit unter Kriminologen und Kriminalpsychologen beinahe übereinstimmend die Annahme, dass solche Anschläge verknüpft sind mit dem Bestreben der Täter, von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden…“.

Ich finde, es ist an der Zeit, dass die Medien, die am meisten von solchen Massakern profitieren, beginnen, Verantwortung zu übernehmen.

23.5.17 11:24

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


OvO / Website (23.5.17 14:51)
Die Printmedien machen gerade ihren Sterbeprozess durch und werden in ein paar Jahren nicht mehr existieren. Die Generation ab den 90igern und teils auch noch 80igern konsumieren Berichterstattung größtenteils nur noch durchs Internet. Und Internet ist ein Ort der Informationsanarchie. Ein Ort der grenzenlosen Informationsfreiheit. Hier kann es keine realen Instanzen geben, die prüfen oder die schützen. Eigenverantwortung, mediale Kompetenz, Mündigkeit und Achtsamkeit sind die Stichworte der heutigen Zeit. Und das ist eine gute Entwicklung.


Joslin / Website (23.5.17 22:28)
Ja, da hast Du sicher recht. Jedoch sehe ich da leider (noch) keine gute Entwicklung... Ich denke, da müssten mehr Menschen den Zusammenhang erfassen. Dann wäre es sicherlich möglich.


OvO (24.5.17 14:18)
Ob man eine Entwicklung sieht oder nicht ist aber lediglich ne Frage der Perspektive. Ich sehe die Entwicklung relativ deutlich. Da es sich bei solchen Entwicklungen aber auch immer um expotentielle Entwicklungen handelt, ist es normal, dass sie zu Beginn nur äußerst langsam und unauffällig über einen langen Zeitraum stattfindet und erst am Ende richtig Pfad aufnimmt. Kriegspropaganda gegen Russland oder dem Islam funktioniert bei den Menschen heute zum Beispiel bei weitem nichtmehr so gut, wie sie noch in den 30igern funktioniert hat. Goebbels Theorie man müsse die Lüge nur oft genug wiederholen, damit sie zur Wahrheit wird, hat sich damit als nicht korrekt herausgestellt. Würde es das Internet nicht geben, wären wir vermutlich längst im dritten Weltkrieg oder Religionskrieg. Stattdessen jedoch haben die Menschen das Vertrauen in Medien extrem verloren und kümmern sich zunehmend eher um ihr eigenes Leben. Wenn das keine gute Entwicklung ist, dann weiß ichs auch nicht. Vllt erwartest du nur zuviel auf einmal?

Eine gute Entwicklung sehe ich darin, wenn die Menschen genug Selbstbewusstsein besitzen um auf Medien verzichten zu können. Egal ob Printmedien oder Internet. Gelogen werden kann ja überall und das wird es vermutlich auch. Deswegen vllt lieber um das kümmern, was man auch miterlebt.

Ich weiß, dass das ein wenig an deinem Anliegen vorbeigeht. Aber ich halte es für wenig realistisch mehr Regulierung oder mehr positive Berichterstattung zu fordern/wünschen. Wobei Letzteres sicherlich wünschenswert wäre. Manchmal hilft es aber auch, den Blick einfach etwas zu erweitern, damit man die Entwicklung zum Besseren hin auch wahrnehmen kann.

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