Kieferorthopäden: Wenn Geschäftstüchtigkeit vor Gesundheit geht

Was haben Zahnärzte und Schonheitschirurgen gemeinsam? Sie stehen unter dem Generalverdacht, mehr aus ihren Patienten herausholen zu wollen, als manchmal notwendig wäre. Dem geht eine über Jahrzehnte gehende Historie voraus, mit Fällen von geprellten oder gar entstellten Patienten. Gerade Zahnärzte haben mitunter Patienten Inlays oder Zahnkronen angediehen, die diese (noch) gar nicht benötigt hätten. Ferner gibt es eklatante Unterschiede in Preis und Qualität, was abermals Möglichkeiten der kreativen Preisgestaltung lässt. Interessanterweise stehen Kieferorthopäden, die reichen Brüder und Schwestern der Zahnärzte, indes nur selten im Fokus der Öffentlichkeit, wenn es darum geht, ob man unnötige Behandlungen empfiehlt und / oder durchführt. Und das, obwohl diese Ärzteschaft das Herausholen des maximalen Gewinns aus jedem Patienten geradezu perfektioniert hat.

Kieferorthopädie: Es gibt keinen perfekten Mundraum
Während also die Zahnärzte den „sanften Betrug“ am Patienten eingeführt haben und aufgrund negativer Publicity vielerorts wieder zur ehrlichen Behandlung zurückgerudert sind, machten die Kieferorthopäden eine noch durch die Krankenkassen finanzierte, legale und etablierte Praxis daraus. Denn, es gibt keinen Patienten, in dessen Mundraum nichts gemacht werden könnte. Die Frage, die viel wichtiger wäre nämlich, ob eine Behandlung unbedingt notwendig ist, wird stets mit einem Wort beantwortet: Ja.


Das dem natürlich nicht so ist sagt schon der gesunde Menschenverstand. Natürlich gibt es sie, die Härtefälle, die extremen Überbisse, die Deformationen, die Menschen, deren Äußeres von einer kieferorthopädischen Behandlung extrem profitiert. Die dadurch vielleicht ein neues Selbstwertgefühl erhalten. Doch sicher benötigen nicht 50 Prozent aller Kinder- und Jugendlichen in Deutschland eine Gebisskorrektur, was allerdings eine neue Statistik zu Tage gebracht hat.

Dr. med. dent. Henning Madsen, selbst Kieferorthopäde in Ludwigshafen, kritisierte dies unlängst in einem umfassenden Artikel der ZWP. Er beobachtete, dass viele seiner Kollegen beschwerdefreien Kindern und ihren Eltern eine kostenintensive Therapie mit hohen Zuzahlungen geradezu aufdrängen. Es wäre nicht nachvollziehbar, dass die Hälfte der deutschen Kinder behandlungsbedürftig schiefe Zähne hätte, während es in Schweden nur 27 Prozent sind. Weiter sagt er, das ein gesundheitlicher Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen gering und spekulativ wäre, da die Therapie auf mögliche, in der Zukunft liegende Gebissprobleme abzielt.

In der Praxis wird man kaum einen Kieferorthopäden finden, der dem eigenen Kind, obwohl mit völlig gesundem und normalen Gebiss ausgestattet, nicht doch eine Zahnkorrektur nahe legt. Interessant sind zudem die fast kriminell anmutenden Praktiken, mit denen versucht wird, schnellstmöglich Eltern und die Münder ihrer Kinder an die eigene Praxis zu binden. Ob das die Eltern überhaupt wollen oder nicht.



Der Kieferorthopäden-Knebelvertrag – die lukrative Langzeitbindung ohne Schlupfloch und Unterschrift
Aus eigener Erfahrung mit meiner Tochter und nun insgesamt vier Kieferorthopäden ist mir klar geworden, dass die freie Wirtschaft neidisch wäre, wenn sie wüsste, auf welche Weise Kieferorthopäden ihre Patienten binden. Hierfür ist nicht einmal eine Unterschrift nötig. Folgende Fehler sollte man daher nicht begehen, wenn man drüber nachdenkt, sein Kind auch nur zu einer ersten Einschätzung zum Kieferorthopäden zu bringen.

1. Keine Abdrücke, kein Röntgen, keine Fotos beim ersten Besuch!
Wenn man, wie ich, einen Termin bei einem Kieferorthopäden ausgemacht hat, um eine erste Meinung zum Gebiss der eigenen Tochter zu bekommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder, der Arzt sieht sich den Mundraum genauer an und gibt daraufhin seine Meinung ab. Dieser Schlag von Kieferorthopäde ist selten, aber noch existent und bekäme jetzt schon einmal einen Vertrauens-Vorschuss. Oder er sagt, er müsse zunächst mal Aufnahmen und Abdrücke machen, da er sich sonst keine Meinung bilden könne. Hier gilt es gleich Stopp zu sagen. Warum? Wenn der Kieferorthopäde dies macht, erstellt er – ohne Ihnen dies mitzuteilen – automatisch einen Behandlungsplan und schickt diesen an Ihre Krankenkasse. Sollte Ihnen dann nach eingereichtem Vertrag (ein oder zwei Tage nach dem Infogespräch) einfallen, dass sie mit der geplanten Behandlung gar nicht einverstanden sind oder sich eine Zweitmeinung einholen wollen, haben Sie Pech gehabt. Ein Wechsel zu einem anderen Kieferorthopäden ist zwar denkbar, in der Praxis ab diesem Zeitpunkt aber fast nicht möglich. Wir haben mehrere Monate gesucht, um zu wechseln, da kaum eine Praxis eine Übernahme machen möchte. Bei Privatpatienten ist dies anders, da der neue Arzt hier erneut Aufnahmen machen darf und es sich hier auch für die Praxis wieder lohnt.Man kann es daher nicht oft genug sagen: Sind Sie sich nicht sicher, ob sie eine Behandlung und wenn ja, bei diesem Behandler durchführen möchten – verhindern Sie auf jeden Fall, dass dieser Abdrücke, Fotoaufnahmen oder sonstige Aufnahmen von Ihrem Kind macht und beharren Sie auf eine erste Einschätzung aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes.
Aufnahmen = Vertragsabschluss!

2. Achtung vor Zwischengesprächen – erneute Bindung möglich
Sollten Sie sich tatsächlich zu einer Behandlung entschlossen haben, wird es irgendwann ein Zwischengespräch geben. Hierzu muss man wissen, dass kieferorthopädische Behandlungen bei der Krankenkasse eingereicht werden müssen, und diese meist über 1 – 2 Behandlungsjahre gehen. Danach müsste ein neuer Behandlungsplan eingereicht werden. Dies geschieht – wie bereits am Anfang- zumeist ohne, dass Sie als Eltern davon erfahren. Stattdessen erfolgt ein Gespräch über die Behandlung und was die Praxis als nächstes vorschlagen würde. Und noch während sie ein paar Tage zu Hause darüber nachgrübeln, ob das eine Option für Sie oder Ihr Kind ist, hat Ihr Behandler meistens den Antrag bereits verschickt und Ihre Krankenkasse nicht selten auch schon freigegeben. Auch hier gilt: Gibt es ein Gespräch über das weitere Behandlungsprozedere, sagen Sie deutlich, dass Sie sich jetzt noch nicht entscheiden möchten, ob Sie dies so wollen und Sie wünschen, dass die Praxis keinen Antrag an die Krankenkasse schickt, bis Sie sich entschieden haben.

3. Wie lange geht die Behandlung? Wann ist sie abgeschlossen?
Wer eine kieferorthopädische Behandlung bei seinem Kind machen lässt, lässt sich oftmals unbemerkt auf eine sehr lange Partnerschaft ein. Denn eine Behandlung ist erst dann abgeschlossen, wenn ihr Kieferorthopäde das möchte. Es gibt genügend Fälle, wo Kinder über viele Jahre, noch bis zum 18. Lebensjahr, eine Spange tragen „müssen“, da der zuständige Behandler nicht gewillt ist, die Behandlung abzuschließen. Wenn Sie nach sachlichen Argumenten suchen, werden sie meist nicht wirklich fündig. Stattdessen läge es am (gerade bei losen Spangen) Kind selbst, dass die Spange zu selten tragen würde. Leider ist dies häufig Usus, weil man versucht die Behandlung, die ja im Kindesalter bis zum 18. Lebensjahr mehr oder weniger klaglos durch die Kassen bezahlt wird, bis zum letzten Tag auszukosten.Wenn Sie sich jetzt fragen, warum es ein wichtiger Punkt ist zu wissen, wann eine Behandlung endet, möchte ich Ihnen folgendes sagen: Sind Sie Kassenpatient, müssen Sie für jedes Mal, dass Ihr Kind beim Kieferorthopäden ist (auch bei Kontrollterminen) 20% der Rechnung selber tragen. Sie erhalten also innerhalb der gesamten Zeit unzählige Rechnungen, was sich über die Jahre bis zu mehreren Hundert Euro summieren kann. Sie erhalten dieses Geld jedoch zurück, wenn die Behandlung erfolgreich abgeschlossen wurde. Wie Sie sehen, begeben Sie sich mit einer kieferorthopädischen Behandlung auch unbemerkt in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem behandelnden Arzt. Denn nur, wenn er Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn eine erfolgreiche Behandlung attestiert, sehen Sie Ihr Geld wieder. Nur, was passiert, wenn der Arzt einfach keinen „erfolgreichen Abschluss“ attestieren will? Denn im Rahmen des beantragten Zeitraums hat er jedes Recht dazu, die Behandlung nicht enden zu lassen.Davor schützen kann Sie im aktuellen Rechtsystem leider niemand. Ich rate jedoch Eltern, sich – bevor sie eine Behandlung beginnen – genauestens über die Länge dieser und die Kriterien zu informieren, die für einen „Erfolg“ sprechen. Lassen Sie sich dies schriftlich geben! Nur so können Sie sich im Zweifel wehren.

Es ist nicht nachzuvollziehen, dass Kieferorthopäden hierzulande ohne die schriftliche Zustimmung der Eltern einen Vertrag über die Krankenkassen schließen können. In jedem anderen Berufsstand wäre dies illegale Praxis und würde vor Gericht verhandelt werden. Wer also eine Behandlungs-Beziehung mit einem Kieferorthopäden eingeht, sollte sich daher absichern, in dem er selbst entsprechende Schriftstücke aufsetzt. Es wäre wünschenswert, die Krankenkassen würden, auch in ihrem eigenen Interesse, die Eltern mehr mit einbeziehen. Der Behandlungsplan über Umfang, Inhalt und Dauer sollte so, wie er an die Krankenkassen geht, auch von den Eltern gelesen und unterschrieben werden müssen. Und zu guter Letzt sei noch gesagt: Holen Sie sich auf jeden Fall immer zwei, oder besser drei Meinungen ein. Lassen Sie anfangs zunächst bei niemandem Aufnahmen machen – nur so haben Sie am Ende die freie Wahl. Und erst dann, wenn Sie sich ganz sicher sind, dass der Arzt und die vorgeschlagene Behandlung das Beste für Ihr Kind sind, erst dann lassen sie entsprechende Aufnahmen machen. Und – falls es Sie, wie uns, erwischt hat und sie in einer unnötigen oder viel zu langen Behandlung feststecken – wehren Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrer Krankenkasse und suchen Sie sich einen anderen Behandler, auch wenn es aufwändig ist. Aber, lassen Sie sich dies nicht gefallen.
Alles Gute.

28.6.19 19:56

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Diethelm / Website (3.7.19 22:27)
Hallo, meine liebe Joslin, sehr schön und ausführlich geschrieben!
Ich scheine Glück zu haben: eine super Ärztin am Ort, die auch alternativ behandelt (Akupunktur, Bachblüten) und zu mir nach Hause kommt (Rollstuhlfahrer), einen Professor, der mich zu Hause einrenkt, und nach einer schlechten Erfahrung mit einem Kiefernorthopäden aus Euskirchen (14 km), der Weisheitszahn-Wurzelreste übersah oder übersehen wollte, ließ sich einer bei mir in Rheinbach nieder.
Durch meinen bechterew hatten sich fast alle Zähne gelockert, bei meinem Zahnarzt mussten 2 sofort gezogen werden, nur 3 konnten erhalten werden, also wurden abdrücke gemacht, oben für eine Voll-Prothese, unten eine Teil-Prothese mit Klammern.
Dann ein Termin beim Orthopäden, ich ließ mir eine Voll-Narkose geben (habe alles bei Zahnärzten durch!), und er zog bis auf die drei den Rest, verlegte das Lippenbändchen, vernähte das Zahnfleisch und setzte die Provisorien ein, die fertig waren.
Was soll ich sagen? Ich war nachmittags wieder einkaufen, keine Wundschmerzen und das ganze für unter 2.000 DM!
Nun lasse ich alle paar Jahre die Prothesen unterfüttern und gut ist!
Es gibt also auch Ausnahmen!
Diethelm

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