Die Höllenfahrt durch die Hitzewelle

Nicht nur aus einem Umweltaspekt heraus, sondern vielmehr, um der eigenen Figur keinen Anlass zu geben, Gewicht zuzulegen, fahre ich – wann immer möglich – mit dem Fahrrad. Zu meiner Arbeitsstelle sind es etwa 15 km. Wenn man die Hauptstraßen meiden und lieber naturnahe Wege durch Parks und andere Grüngelände nehmen möchte, sind es auch manchmal 19 km.

Und wenngleich ich die Strecke auch nicht täglich mit dem Fahrrad fahre, sondern auch manchmal mit meiner alten Ratterkiste von Auto zurücklege, würde ich sagen, dass ich ganz gut in Form bin.
Doch was diesen Mittwoch geschah, hätte ich nicht geglaubt, wäre es mir nicht selbst passiert.

Auf dem Rückweg nach Hause gegen 14 Uhr begann nach etwa 15 Minuten mein Kopf zu klopfen. Mit jedem Herzschlag vernahm ich ein schmerzhaftes Pochen inmitten meines Schädels und eine plötzliche Übelkeit nahm mir fast den Atem. Und während ich mich zusammenriss, um möglichst schnell aus der Sonne und hinein in den nächsten Schatten zu fahren, wurde mir bewusst, dass es die Hitze war. Nach mehreren kleineren Anstiegen erhitzte sich mein Körper, was jedoch an diesem Tag, zu dieser Uhrzeit mit tatsächlichen 38 Grad Hitze, offenbar zu einem Hitzestau führte.

Nach weiteren 10 Minuten ging es mir so schlecht, dass ich auf einer vielbefahrenen Straße anhielt, da auf dem dreckigen Gehweg daneben ein kleiner Schatten lag. Ich stieg ab und kauerte mich in das kleine, schattige Eck – wartend darauf, dass sich mein Körper abkühlen und es mir besser gehen würde. Nach weiteren schier unendlichen 10 Minuten dann war klar, dass dies zwar die Spitze nahm, aber keine echte Erholung bot. Ich musste also sehen, dass ich mich den Rest der Wegstrecke (noch gut 8 km) weder groß anstrengte, noch in der Sonne fuhr. Also ging ich in den zweiten Gang, ließ das Rad, so gut es ging, rollen und fuhr von Schatten zu Schatten, so klein diese auch waren. Nach etwa 4 km tat sich vor mir eine längere Strecke, vielleicht 400 Meter an der Hauptstraße auf, die keinerlei Schatten bot. Nicht einmal einen Fuß breit. Im letzten Schatten wartend, überlegte ich ernsthaft, mir ein Taxi zu rufen. Es war vollkommen verrückt, aber ich spürte, dass mein Körper auch nur die nächsten 200 Meter unter der sengenden Sonne nicht mehr tolerieren würde.

Inzwischen liefen mir tatsächlich die Tränen, weil ich mich selten so schlecht fühlte, wie in diesem, einen Moment. Mein gesamter Kopf pochte inzwischen und schmerzte; meine Glieder waren schwach, als könne ich nicht zwei Schritte voran gehen und mein Magen krampfte. Zu allem Überfluss hatte ich auch noch vergessen, mir etwas zu trinken einzupacken, was sicherlich mit ein Hauptgrund für die ausweglose Situation war.

Also wartete ich und überlegte. Nachdem die Bedingungen nicht zu ändern waren, so dachte ich mir, müsste ich also meine Einstellung zu diesen ändern. Und so stellte ich mir vor, ich stände in der Wüste und es ginge um Leben und Tod. Würde ich stehen bleiben, wäre mir der Tod sicher. Ich würde also weitergehen müssen, weiter, bis sich vielleicht irgendwann eine rettende Siedlung oder Karawane fände. Und so probte ich also den Ernstfall, biss die Zähne zusammen und stieg schließlich in die Pedale. Mit der allerletzten mir dargebotenen Kraft, radelte ich um mein Leben, um so schnell als möglich zur nächsten, schattigen Mauer zu gelangen, wo ich mich sofort wieder ausruhen würde.

Doch ich ruhte mich nicht aus. Stattdessen fuhr ich ganz langsam in den Schatten. Wie ein Vampir, mied ich auch nur den kleinsten Sonnenstrahl und sagte währenddessen alle mir bekannten Handy- und Festnetznummern auf, die mir in den Sinn kamen.

Doch da, erneut tat sich die nächste Hürde auf: Ich würde noch zwei recht knackige Anstiege meistern müssen, wollte ich irgendwie nach Hause kommen. Um diesen zu entkommen, müsste ich jedoch weitere 2,5 km in kauf nehmen müssen; weitere, unerträgliche Minuten, die ich länger bräuchte, bis ich zu Hause wäre. Und doch nahm ich schlussendlich den längeren Weg in kauf und fuhr inzwischen am ganzen Körper zitternd die Schlossmauer entlang. Immer wieder durchfuhr ich sonnige Abschnitte, die nicht nur von oben sondern auch von unten Hitze abstrahlten. Das Atmen fiel mir schwerer und schwerer und mit allerletzter Kraft, gelangte ich an einen See, der ganz in der Nähe meiner Wohnung liegt. Ich stieg ab, ging in diesen mit Schuhen hinein und schöpfte das Wasser ab, um es zu trinken.

Dazu muss man sagen, dass es kein richtiger See ist. Es ist ein künstlich angelegter „Teich“, der eine nahe gelegene Burg ziert und nicht viel mehr. Man darf weder hinein, noch – im Winter – darauf Schlittschuh fahren. Er ist einfach nett anzusehen. Aber, an diesem besonderen Tag, war mir das völlig egal. Es war mir auch egal, ob das Wasser vielleicht nicht gut für mich wäre. Und auch die vielen entsetzten Gesichter waren mir egal. Ich blieb so lange darin stehen, bis die Kälte des Wassers an meinen Füßen meine Überhitzung linderte und mein Kreislauf aufgrund des zugeführten Wassers wieder einigermaßen funktionierte.

Danach stieg ich wieder aufs Fahrrad, noch immer wackelig auf den Beinen, und fuhr so langsam als möglich die letzten 2 km am schattigen Wegesrand bis nach Hause.

Dort angekommen, stieg ich entgegen meiner Gewohnheit, direkt in den Aufzug und ließ mich bis vor meine Wohnungstür fahren. Dort angekommen, riss ich mir förmlich alle Kleidung vom Leib, setzte mich in die Badewanne und machte dort weiter, wo ich am Burgteich zuvor angefangen hatte. Ich ließ kaltes Wasser ein, kühlte mich ab und trank, so viel ich konnte. Danach legte ich mich völlig erschöpft auf die Couch und schließ erst einmal fast 2 Stunden, bevor mich meine Tochter aufweckte.

Natürlich hätte ich bereits den Vormittag zuvor viel mehr trinken müssen und, natürlich hätte ich mir etwas zu trinken mitnehmen müssen. Aber dies allein war nicht schuld an diesem „Höllentrip“, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Insofern kann ich nur jeden, der zur aktuellen Hitzewelle sportliche Ambitionen hat, eindringlich warnen, diesen nachzugehen. Wartet ab, bis es kühler wird! Und trinkt das Doppelte von dem, was ihr bisher getrunken habt (und damit meine ich Wasser)

Eure Joslin

25.7.19 23:34

bisher 6 Kommentar(e)     TrackBack-URL


gebsy (26.7.19 07:18)
Das war wirklich knapp am Menschenmöglichen, Joslin!
Sind alle Beschwerden vollkommen weg, oder hast du einen Arzt damit konfrontiert, um sicher zu gehen, dass alles ausgestanden ist?
Erholsame Zeit wünscht gebsy


(31.7.19 02:36)
Hallo Joslin,

bevor ich auf deinen großartig geschriebenen Bericht eingehe, beantworte ich zwei doch schon etwas ältere Fragen von dir. Ja, ich lebe seit über sechs Jahren in Ningbo (China). Ich spreche etwas chinesisch, kann es aber leider nicht lesen oder gar schreiben (bin dafür irgendwie nicht geeignet ).

Ich war die letzten drei Wochen in Europa unterwegs (BRD, Niederlande, Italien) und in allen Ländern herrschte eine senkende Hitze. Auch ich spürte wie mein Körper langsam schlapp machte. Allerdings nicht wie bei dir, in einer akuten Situation, sondern über die Zeit nach und nach. Auch ich habe scheinbar nicht ausreichend viel getrunken. Als ich diese Woche wieder zurück nach Ningbo reiste, fand ich ähnliche Bedingungen vor wie in Europa vor. Aktuell haben wir hier jeden Tag bis zu 42°. Ich kann also gut verstehen, was dir da passiert ist. Sei bitte vorsichtig, sowas kann ganz böse ausgehen.

Viele Grüße aus dem Land der Mitte,

Mirco


Marie / Website (12.8.19 21:05)
Oh je, dass war ja in der Tat ein Höllenritt.

Ich hoffe Du konntest Dich wieder gut davon erholen.
Die Hitze ist nicht zu unterschätzen und ich kann nur bestätigen, dass sie mir auch mittlerweile sehr zu schaffen macht. Ich hoffe Du bist künftig stets mit einer Flasche Wasser unterwegs und meidest bei solchen Extremtemperaturen solch` massive Anstrengungen. Dann lieber mal das Rad stehen lassen.
Liebe Grüße, Marie


Diethelm (14.8.19 02:50)
Da kannst Du wirklich froh sein, es relativ gut überstanden zu haben!
Aber die meisten Menschen machen bei großer Hitze den Fehler, kaltes zu trinken, das erfordert wieder Energie, weil der Körper dann wärmen muss!
Ich habe alle Flaschen neben mir im Arbeitszimmer stehen, trinke also Zimmer-Temperatur und auch öfter warmen Kaffee oder einfache Brühe!
In meiner letzten Firma viele die sogenannten "Müsliesser" bei Hitze als erste um, denn der Körper braucht ausgewogene Ernährung. Ich denke, das war Dir eine Lehre fürs Leben! Ich drücke Dich in Freundschaft!
Didi


Diethelm (23.8.19 23:36)
Liebe Joslin,
leider kann ich mich wieder einmal nicht in meinen Blog einloggen wie schon öfter, warum auch immer, und er wird im i-Frame auch nicht angezeigt - immer wieder dieser Fehler! Kann also z.Zt. nichts posten!
Gruß Diethelm


lifeminder / Website (4.9.19 20:11)
Liebe Joslin!

Ich habe deinen Blogeintrag gelesen. Mir war im nachhinein klar, das du - Gott sei dank - glimpflich davon gekommen sein musst. sonst hättest du ja den Blogeintrag nicht schreiben können.

Während des Lesens dachte ich immer nur, hoffentlich packt sie es Nachhause, hoffentlich kommt sie durch. Das ließt sich fast wie ein Thriller, wobei hier das Böse "Die Hitze" ist. - Ich hoffe, du hast dieses Erlebnis mittlerweile verdaut?
Ich hoffe sehr, das du demnächst zu neuen Abenteuern aufbrichst, vielleicht eher lustig, wie Gesundheitsgefährdend, auch von diesen hier auf dem Blogportal berichtest? - Du hast eine tolle Art schriftlich zu erzählen. Echt packend! - Von nun an, hast du einen Leser mehr!

Liebe Grüße
Lifeminder

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